Vier bunte gezeichnete Weltkugel.
Gesellschaft

Zwei Zuhause

Es ist ein kalter Tag. Es wird früh dunkel. Ich bin fröhlich und es geht mir herrlich, weil ich bin fröhlich, dass wir feiern. Wir feiern heute Weihnachten. Wir gehen in die Kirche und danach nach Hause und warten auf die Bescherung. Dann, wenn eine Glocke läutet, feiern wir das Christkind. Wir singen Weihnachtslieder. Mein Lieblingslied ist › Oh Tannenbaum ‹. Man bekommt Geschenke. Am Christbaum hängt alles Mögliche in bunten Farben. Nach der Bescherung essen wir Fisch. Wir sind meis­tens sehr viele, weil es ist eine große Feier.

Manchmal ist Weihnachten ganz anders. Es gibt keinen Schnee. Es ist warm und es ist Sommer. Ich bin auch fröhlich. Wir grillen und feiern im Garten. Ich verbringe Weihnachten nicht immer in Österreich. Manchmal bin ich in Argentinien. Die Jahreszeit ist umgekehrt und es ist vier Stunden früher. 

Ich lebe in Österreich. Aber ich habe zwei Zuhause. Argentinien und Österreich. Das sind meine Zuhause, weil dort meine Familie ist. Viele Menschen finden so etwas schwierig. Aber ich finde das sehr gut: Zwei Zu­­hause haben. 

Ich wohne in Wien. Das ist die Hauptstadt von Österreich. Dort gibt es viel grüne Umgebung, wegen der Donau, und es gibt viel Wald. Im Wald und in der Donau gibt es auch ziemlich viele Tiere, zum Beispiel Biber oder Rehe und Hirsche. Die Natur ist schön, es gibt sehr viele Weinberge und auch viele Flüsse und es gibt auch hohe Berge. In der Natur sind viele Vögel zu Hause. In Österreich gibt es Christen. Aber es gibt auch Muslime.

In Argentinien ist es warm, die Straßen sind anders, die Hauptstraßen sind gerade, die anderen haben Kurven und es gibt viele Bäume. Dort gibt es Buschwald, also lauter Bäume und viele Sachen, also Honig und Vogelnester in den Bäumen am Land, in Österreich gibt es das nicht so viel. 

Sie reden dort auch fast alle Spanisch. Manche reden auch Portugiesisch, aber vor allem in Brasilien. Die Menschen dort sind anders, weil die einen anderen Glauben haben. Sie glauben anders an die Religion. Sie sind auch Christen, aber ein bisschen anders, weil nicht alle Christen sind: An der Grenze zu Chile in den Anden gibt es indigene Menschen. Das sind Menschen, die reden auch Spanisch, aber nicht nur. Sie ha­ben auch eine andere Sprache. Sie glauben an andere Götter. Sie leben dort schon sehr lange. Die Touristen fahren dort gerne Bus und sie mögen die Iguazu Fälle. Das sind sehr große Wasserfälle. Riesig. 

Ich fahre in Argentinien meine Familie besuchen. Ich habe so viel erlebt. Mit meiner Familie grillen wir viel. In Argentinien heißt das Asado. Wir machen Fleisch und Würstel und Gemüse und auch Grillkäse. In Buenos Aires gibt es einen Fluss. Da gehen wir auch Boot fahren. Das Bootfahren ist gut. 

In Wien mache ich gerne Yoga oder ich helfe beim Kochen und Putzen. Ich besuche die Eltern meiner Mutter und das freut sie immer sehr. Wir essen ge­­meinsam Fisch vom Traunsee. Meine Großeltern sind groß und mein Großvater hat graue Haare, meine Großmutter weiße Haare. In Österreich ist alles grün. 

Meine Mutter ist aus Österreich. Sie macht gerne Sachen draußen und kümmert sich um Pflanzen. Sie will keinen Stress und sie arbeitet als Psychotherapeutin mit Jugendlichen, Kindern und Erwachsenen. Das heißt, sie redet mit ihnen und sie hilft ihnen. Sie fährt gerne an den Traunsee, vor allem im Sommer. Diesen Sommer ist das schwierig wegen Corona. Dort gehen wir unsere Großeltern besuchen und mit ihnen trinken wir Kaffee oder wir essen. Mein Großvater, ihr Va­­ter, freut sich sehr. Deshalb essen wir auch viel Fisch vom Traunsee: Weil dort sind wir auch zu Hause. Mein Großvater ist dort aufgewachsen. Dort in Traunkirchen gehen wir viel wandern im Wald, und es gibt auch sehr viele Seen dort in der Nähe. Ich mag dort auch gerne das Einkaufen. Ich kaufe bei einem Bauern ein, der heißt Schafsbauer. Er ist sehr nett und es gibt es sehr gute Sachen und wir kaufen immer Schafsgupferln. Schafsgupferln sind sehr guter Schafskäse. Wir essen sie zu Mittag. Das mag ich gerne.

Mein Vater arbeitet in einer Versicherung. Er liebt Sachen, die aus Argentinien kommen, weil er auch aus Argentinien kommt. Er war zuerst in Argentinien, dann war er in England und danach ist er mit dem Flugzeug nach Wien gekommen. Er wohnt in Österreich und er ist Argentinier. Mit uns redet er zwei Sprachen: Deutsch und Spanisch. Ich rede mit meinem Va­­ter auch Spanisch. Ich sage › muchas gracias ‹, das heißt danke oder › de nada ‹, das heißt gerne. Ich sage auch › si ‹, das heißt ja und › no ‹, das heißt nein. Er isst gerne ›Dulce de leche‹, das kommt auch aus Argentinien und ist süß und mein Vater isst es gerne mit ›Cerealitas‹. Das sind kleine Kekse, die kommen auch aus Argentinien. Und er isst auch gerne Honig. Der kommt auch aus Argentinien von meinem Großvater vom Land. Er hat dort eine Farm. Sie heißt Dos Marias und ich reite dort sehr gerne. Das kann ich sehr gut. Ich mache das schon länger, seit ich ganz klein bin. Am Traunsee war ich auch schon, als ich klein war. Das ist ähnlich wie Dos Marias.

Mit meinem Vater grille ich gerne. Ich habe auch einen Poncho und ich trinke mit ihm Mate. Mate muss man selber machen, weil das gehört dazu in Argentinien. Zuerst muss man einen Behälter voll machen, dann Wasser kochen und das warme Wasser hineingeben. Man hat dann einen Strohhalm aus Metall und damit trinkt man daraus. Zuerst muss man das Wasser hineingeben und dann kann man trinken. Wir trinken ihn auch in Österreich. Aber das macht fast niemand. Wir machen es, weil wir sind Argentinier. 

Ich habe also zwei Zuhause. In Österreich bin ich zu Hause, weil meine Familie hier lebt. In Argentinien bin ich zu Hause, weil meine Großeltern dort sind und mein Vater dort geboren ist. Er hat länger dort gelebt. Trotzdem möchte ich sagen: Ich habe auch Familie in Lissabon, aber dort bin ich nicht zu Hause. Mein Zu­­hause ist Österreich und Argentinien. Das finde ich sehr gut.

Dieser Text erschien zuerst als Essay im Monatsmagazin DATUM: https://datum.at/ich-habe-zwei-zuhause/

Text: Matthias Porak, Mitarbeit: Clara Porak, Illustration: Michelle Chin