Schwarze Henne mit gezeichneter Krone
Umwelt

“Weich und warm und unendlich zerbrechlich”

Seit 2018 sammelt das Tierschutzvolksbegehren Unterschriften für mehr Tierwohl. 210.000 Menschen haben bereits unterzeichnet. Mit andererseits spricht der Initiator Sebastian Bohrn-Mena über die Macht des Einzelnen und wie Essen mit Klimakrise, Artenvielfalt und Pandemien zusammenhängt

Wieso interessierst du dich für Tierschutz?

Ich würde mich selbst nicht als Tierschützer bezeichnen. Ich habe keine Ausbildung in dem Bereich und viel Respekt vor Aktivismus und dem, was Tierschützer über Jahre in ihre Arbeit investieren. Ich bin nur ein Typ aus der Stadt. Mein Interesse am Tierschutz hat erst vor ein paar Jahren begonnen. Meine damalige Lebensgefährtin hat mir gezeigt, dass der Umgang mit sogenannten Nutztieren – Küken, Kälber, Schweine – ganz massive Auswirkungen auf unser Leben hat. Ich wusste davor nicht, wie stark unsere Ernährung mit der Klimakrise, der Verseuchung von Böden und auch der Entstehung von Pandemien zusammenhängt. Je mehr ich mich damit beschäftigt habe, umso mehr habe ich verstanden, dass ich ein Teil des Problems bin – ob ich möchte oder nicht. Wenn ich Veränderung möchte, muss ich versuchen, ein Teil der Lösung zu werden.

Hat es eine besondere Erfahrung gegeben, die das ausgelöst hat?

Vor ein paar Jahren war ich  mit meiner Frau und meinem kleinen Sohn auf einem Bauernhof. Dort hat ein kleines Ferkel gelebt. Ich habe es hochgehoben und das hat sich ähnlich angefühlt, wie der Moment, in dem ich meinen Sohn zum ersten Mal im Arm hatte: Weich und warm und unendlich zerbrechlich. Davor habe ich verstanden „das geht nicht“. Aber erst als ich das Ferkel in der Hand hatte, und gemerkt habe, das ist ein Lebewesen, das genauso wie mein Sohn keine Schmerzen haben will,  Angst verspürt und auch Glück empfindet, habe ich verstanden, dass meine Verantwortung viel weitreichender ist, als ich bislang geglaubt hatte.

Jetzt hast du ein Buch geschrieben das beschreibt, wie wir beim Essen bessere Entscheidungen treffen können. Darin sagst du, teuer ist nicht immer besser. Gibt es Regeln, an die wir uns halten können?

Die Grundregeln bei tierischen Lebensmittel ist zu schauen, wo es herkommt und wie es erzeugt wurde – sofern wir diese Infos haben. Es wäre zu einfach zu sagen, dass heimisch erzeugte Lebensmittel besser sind. Aber in vielen Bereichen sind die österreichischen Standards höher. Deswegen ist es kein Fehler zu diesen Produkten zu greifen. Nur reicht das nicht für die große Veränderung: Alles, was wir bewusst zu uns nehmen, essen wir auch verantwortungsbewusster und achten mehr auf Tierwohl und Umwelt. 

Es gibt sehr viele Daten und Studien zu umwelt- und tierfreundlicher Ernährung. Wie kann man da den Durchblick bewahren?

Gar nicht. Das ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Wir haben so viel zugängliches Wissen wie noch nie, aber das führt oft zu einer Überforderung. Immer mehr Menschen hinterfragen nicht, was Meinung, und was gesteuerte Information ist. Wir müssen viel früher anfangen und schon im Kindergarten lehren, wie man hier unterscheiden kann.

Gibt es bei Ernährung besonders viel falsche oder gesteuerte Information?

Definitiv. „Du bist was du isst“ ist sehr wahr. Da Essen unseren Alltag bestimmt, haben auch so viele Menschen eine Meinung dazu. Das sieht man auch, wenn Menschen beginnen sich vegetarisch oder vegan zu ernähren. Die haben dann oft den verständlichen Wunsch, ihre Erfahrungen zu teilen und werden zu offensiven Verbreitern von Infos und Erlebnissen –  das vermischt sich dann oft. Für Bauern ist Ernährung die Grundlage ihrer Existenz. Das macht auch etwas mit deiner Sicht auf die Welt, wenn du abhängig davon bist, dass Leute das kaufen. 

Wie hängen Artensterben und das, was wir essen, zusammen?

Wir holzen gerade in Rekordzeit Regenwald in Brasilien ab. Der Amazonas ist einer der artenreichsten Orte der Welt. Es gibt dort auch Arten, die wir noch gar nicht kennen. Der Regenwald wird für die Erzeugung von Fleisch und billigem Kraftfutter gerodet (allein in Brasilien werden jährlich 114 Millionen Tonnen Soja angebaut, hauptsächlich für Schweinefutter; Soja macht damit mehr als die Hälfte des in Brasilien geernteten Getreides aus, Anm.). Auch im Schnitzel mit AMA-Gütesiegel steckt Regenwald drin – ein direkter Zusammenhang zwischen Artensterben im Amazonas und dem Fleischkonsum auf dem eigenen Teller. Viele Menschen wissen das nicht, und können deswegen keine Verantwortung übernehmen. 

Wieso ist die Kennzeichnungspflicht wichtig?

Wir müssen nur auf die Speisekarte schauen: Hier steht “Original Wiener Fiakergulasch”. Da ist wahrscheinlich Rindfleisch drin, aber du hast keine Ahnung, woher dieses Fleisch kommt und kannst es auch nicht erfahren. Meistens wissen es nicht mal die Kellner. Das meiste Fleisch in der Gastronomie kommt nicht aus Österreich, weil es anderswo billiger ist. Wir haben auch die absurde Situation, dass der Kaiserschmarrn mit Eiern aus Indien oder der Ukraine gemacht wird, die in Form von Pulver in der Küche stehen. In Österreich ist Käfighaltung verboten, aber überall sonst auf der Welt ist es erlaubt. Das ist also nicht nur aus Tierschutzsicht katastrophal, sondern auch wenn es um Landwirtschaft oder Gesundheit geht. Wenn da stehen würde: Eierspeis, gemacht aus Eiern von Hühnern aus Käfighaltung in der Ukraine, und es ist um 20 Cent billiger als jene mit Eiern aus der Steiermark, würden sich die meisten für das österreichische Produkt entscheiden. 

Was sind die Argumente dagegen?

Es gibt in Österreich nur eine einzige Institution, die dagegen ist: Die Wirtschaftskammer. Sie vertritt die Nahrungsmittelindustrie, die möglichst viel Intransparenz will, und die Gastronomie. Da ist das vorgeschobene Argument, dass der bürokratische Aufwand zu groß wäre. Ich habe gestern einen Vorschlag gemacht, der vom Handel unterstützt wurde: Senken wir die Mehrwertsteuer in der Gastronomie für jene Betriebe, die draufschreiben, wo die Lebensmittel herkommen, dauerhaft auf fünf Prozent.

Du redest viel über “besser Essen”. Siehst du die Gefahr, dass dabei die Verantwortung auf den Einzelnen abgeschoben wird?

Die Politik sagt, wenn es um Tierwohl geht: Das muss der Konsument entscheiden. Das stimmt nicht. Solange wir nicht wissen, woher die Lebensmittel stammen, können wir diese Entscheidungen nicht treffen. Wir sind aber nicht nur Konsumenten, sondern auch Bürgerinnen und Bürger. Unser Einfluss auf die Welt sollte sich nicht über das, was wir kaufen, sondern über unsere Stimme definieren.

Interview: Luise Jäger und Katharina Kropshofer

Foto: Katharina Kropshofer; Illustration: Steffi Frossard

Tierschutzvolksbegehren

“Besser Essen. Wie wir über unseren Teller die Welt gestalten”, Sebastian Bohrn Mena (Goldegg, 210 S.)