Ein gezeichneter Junge sitzt in der Mitte des Bildes. Rundherum lachen ihn Menschen aus und zeigen mit den Fingern auf ihn.
Gesellschaft

Vom Ausgeschlossen sein

Schon seit dem Kindergarten wird Sebastian Gruber wegen seiner Behinderung gemobbt. So wie ihm, geht es vielen Menschen.

Alles hat im Kindergarten begonnen, als ich in einen Privatkindergarten im neunten Bezirk kam. Jeder glaubt, dass man in privaten Einrichtungen besser behandelt wird. In meinem Fall war das nicht so. Nach den Probetagen meinte die Leiterin, sie hätten kein Problem mit mir.

Während meiner Anfangszeit in diesem Kindergarten, riefen die Erzieher:innen dann aber immer meine Mutter an und sie oder meine Großeltern mussten mich abholen, weil ich angeblich krank war. Eigentlich wussten die Betreuer:innen aber nicht, wie sie mit meiner Behinderung umgehen sollten und wollten mich loswerden. Wenn sie mich da behielten, wurde ich jeden Tag auf einen Sessel gesetzt und es wurden mir drei Puzzles pro Tag zum Vergnügen gegeben. Alle Kinder haben mich angeschaut, als ob ich ein Außerirdischer wäre und mit dem Finger auf mich gezeigt. 

Auch wenn wir zum Spielplatz gegangen sind, haben die Kinder mich nicht mitspielen lassen und ich wurde auf die Seite gesetzt und musste mich selbst beschäftigen. Ich wurde damals auf Spielplätzen komisch angeschaut und zum Teil ausgelacht. Eines Tages kamen meine Großeltern vorbei, um mich abzuholen. Als mein Opa sah, wie ich behandelt wurde, haben sie es sofort meinen Eltern berichtet. Meine Mutter hat dann die Leiterin zur Rede gestellt und die meinte, dass man mich woanders unterbringen soll. 

„Vorkommnisse wie diese begegnen uns häufig. Man versucht behinderte Menschen vor etwas zu beschützen, was sie vermeintlich nicht können und lässt sie es nicht ausprobieren und mitmachen,” sagt Markus Ladstätter. Er ist Vorstandsmitglied von BIZEPS, einem Verein, der Menschen berät, die aufgrund ihrer Behinderung Diskrimminierung erfahren. Im Jahr 2006 wurde das Behindertengleichstellungsrecht umgesetzt. Es geht davon aus, dass das Problem nicht am Mensch mit Behinderung liegt, sondern an den Rahmenbedingungen, die Menschen an der Teilhabe in der Gesellschaft hindern. „Das Gleichstellungsgesetz besagt auch, dass alle Kinder gleich behandelt werden müssen. Heute könnten Sie also dagegen rechtlich vorgehen”, sagt Ladstätter. 

Unter dem Hashtag #AbleismTellsMe teilen Menschen mit Behinderung ihre Diskriminierungserfahrungen.

Was nicht nur mich betrifft

Als ich im Kindergarten war, hat es dieses Gesetz noch nicht gegeben, aber meine Eltern haben einen städtischen Kindergarten im 20. Bezirk in Wien gefunden. Dort haben sie mich mit offenen Armen empfangen und mich integriert und mitspielen lassen. Ich habe Freunde gefunden, die mich so akzeptierten, wie ich bin. Als der letzte Kindergartentag kam, verabschiedeten sich alle von mir und die Erzieherinnen sagten: “Wenn wieder ein Behinderter kommt, nehmen ihn wir sehr gerne, weil Behinderte sind super Kinder.”

So wie es mir in meinem ersten Kindergarten ging, geht es vielen Menschen mit Behinderung. Das SORA Institut hat 2019 im Auftrag der Arbeiterkammer erforscht, wie Menschen in Österreich diskriminiert werden. Dafür haben sie gefragt, ob Ungleichbehandlungen, Benachteiligungen und Herabwürdigungen in den Bereichen Arbeit, Wohnen, Medizin und Ausbildung erlebt wurden. 69 Prozent der Befragten mit einer körperlichen Behinderung haben gesagt, dass sie sich in den letzten drei Jahren diskriminiert gefühlt haben. Im Vergleich zu Personen ohne Behinderung sind das um 28 Prozent mehr. Besonders häufig war Diskriminierung in den Bereichen Arbeit, Wohnen oder Gesundheit und bei Personen, die eine sprachliche Beeinträchtigung und/ oder eine körperliche Mobilitätsbeeinträchtigung haben. Diese Formen der Behinderung habe auch ich. Dass Menschen wie ich Diskriminierung erleben, ist also statistisch gesehen wahrscheinlicher.

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Ungleiche Arbeitsverhältnisse

Als ich 2008 eine Lehre begann, war es ein super Gefühl. Aber nach einer dreimonatigen Probezeit wurde ich gekündigt. Es hatte sich die Geschäftsführung gewechselt und da haben sie überall nach einem Grund gesucht mich los zu werden, vermute ich. Sie haben in einem Gespräch nur betont, was ich alles nicht kann und nicht über das gesprochen, was ich eigentlich gut kann. Der Grund für meine Kündigung wurde mir nicht erklärt. Wahrscheinlich war es wegen meiner Behinderung.

“Das schwierige bei Arbeitsverhältnissen ist, glaubwürdig zu beweisen, dass Ungleichbehandlung aufgrund der Behinderung stattfindet”, sagt Markus Ladstätter vom Verein BIZEPS: “Und auch wenn es rechtliche Konsequenzen gibt, sind diese im Vergleich zu manchen anderen Ländern sehr gering. Es kann in der Regel nur auf finanziellen Schadenersatz geklagt werden und nicht auf die Unterlassung der Diskrimminierung selbst.” Das ist nur bei großen Unternehmen mit über 20 Millionen Euro Umsatz möglich. 

Als ich gekündigt wurde, setzte sich keiner der anderen Angestellten für mich ein, obwohl alle immer betont haben, dass sie mich sehr mögen würden. Das war verletzend für mich. Die Ausnahme war  eine Frau: Als ich ausgeschieden bin, hat die Dame gekündigt, die mich damals eingestellt hat. Sie ertrug nicht, wie man in dem Unternehmen mit einem Behinderten umgeht. Für mich war es aufbauend, dass es auch solche Menschen gibt, die zu einem stehen. Ich hatte auch das Glück Eltern zu haben, die sich für mich einsetzen. Nicht alle Eltern können so da sein. Ohne sie wäre es schwierig gewesen, dass sich etwas verändert und ich in ein besseres Umfeld komme.

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“Schleich dich, du Behinderter.”

Auch in meiner Freizeit ist es schon zu diskriminierenden Erlebnissen gekommen. Beispielsweise war ich an einem Nachmittag bei meiner Nachhilfe in Guntramsdorf mit der Badnerbahn. Als ich wieder heim fuhr, haben mich am Bahnsteig drei Jugendliche beschimpft und ausgelacht. Ich bin ein bisschen wackelig auf den Bahnsteig gekommen und sie haben zuerst gedacht ich wäre betrunken. Dann haben sie meine Fußstellung bemerkt und gesagt: „Du Depperter, du Behinderter, schleich dich.” Ich habe gesagt: “Lasst mich in Ruhe. Ich bin behindert.” Ich hatte zu diesem Zeitpunkt sehr viel Angst, weil es war dunkel und es war niemand am Bahnsteig, der mir hätte helfen können. Aber zum Glück kam es nur zu einer verbalen Auseinandersetzung und nicht zu Handgreiflichkeiten. 

Heute erfahre ich manchmal noch Diskriminierungen, aber seltener als früher. Ich arbeite jetzt bei der Allianz Versicherung in der Vermittlung. Wenn mich ein Kunde auslacht oder beschimpft, kann ich damit umgehen und ich bekomme auch sehr viel Lob, wie gut ich das mache. Ich denke ich erfahre heute auch weniger Diskrimminierung, weil ich mich durch meine Therapien verbessert habe und somit meine Behinderung weniger auffällig ist. Wenn es heute doch noch passiert, habe ich gelernt es gut auszublenden. Dann geht es in einen Ohr rein und im anderen wieder hinaus. 

Text: Sebastian Gruber, Mitarbeit: Emilia Garbsch

Grafik: Theresa Maria Dirtl