Die Freundschaftsmaschine

Die andererseits-Redakteurin Hanna Gugler schreibt unserer Autorin jeden Tag ein kleines Liebesgeständnis. Warum machen das eigentlich nicht alle?

Katharina Kropshofer

WhatsApp-Chat, 8. April 2020, 18:11

andererseits Hanna: Hallo Kathi!

Ich: Hallo Hanna! Freut mich sehr, dass wir bald zusammenarbeiten 🙂

andererseits Hanna: Und magst du gerne meine Brieffreundin werden und ich möchte auch, dass du meine allerbeste Freundin wirst

WhatsApp-Chat, 9. April 2020, 08:20

andererseits Hanna: hab dich so lieb

Ich: Ich mag dich auch gern Hanna!

Seither schickt mir Hanna jeden Tag die gleiche Nachricht. So oft wie ihren Namen, sehe ich kaum einen auf meinem Display – schon gar nicht mit dieser Regelmäßigkeit.

hab dich so lieb

hab dich so lieb

hab dich so lieb

hab dich so lieb

182,2 MB hat mein Chat mit Hanna auf Whatsapp. Geschlagen nur von den Familien- und Freundesgruppen und drei weiteren Freund:innen. Selbst meine Mama schafft es nur auf 151,4 MB. Ich habe nachgerechnet: Wenn die erste Nachricht am 9. April 2020 gekommen ist, dann sind es bis zum 11. Juli 2022, ganze 826 habdichsolieb-Nachrichten. Und das ist nur der Privatchat. Hanna beschickt auch die Gruppen “Meine Geschichte Ideen” und “Geschichte Ideen”. Auch hier heißt es: “Freundschaft für immer”. 779 mal vier. Das sind mehr als 3.300 Nachrichten.

Und die Rechnung hört hier nicht auf. Weil Hanna diese Nachricht nicht nur an mich schreibt, sondern auch an all ihre Familienmitglieder, ihren Bruder, ihren Onkel, an ihre vielen Freundinnen und Freunde, an die anderen Mitglieder der andererseits Redaktion. “Ich schreibe das jeden Tag, immer jeden Tag, immer in der Früh”, sagt mir Hanna. “An alle meine Schatzis. Ich gebe es einfach ein und dann schreibe ich es an alle. 30 Leute oder so.” 

Hanna Gugler, Freundschaftsmaschine. 

“Ich mach das selten”, erzähle ich Hanna. “Ich am meisten”, sagt sie. 

Doch 2020 kennen wir uns noch nicht so gut, um das zu besprechen. Meine Antworten auf Hannas tägliche Liebesbotschaften sind am Anfang einfach höflich:

“Danke”

“Dir auch ein schönes Wochenende”

“Es ist so schön mit dir zusammenzuarbeiten, Hanna!”

Und dann, irgendwann, höre ich auf zu antworten, irgendwie peinlich berührt, irgendwie auch, weil ich nicht weiß, wie ich mit diesem täglichen Geständnis umgehen soll. 

Warum macht Hanna das? “Ich liebe meine Verwandschaft, meine Eltern, mein Bruderherz, meine Cousine, meine Cousins, meine Freundinnen. Das will ich ihnen einfach immer sagen, immer per Whatsapp. Weil ich liebe Whatsapp.”

Die meisten meiner engen Freunde kenne ich schon lange. So lange, dass ich mich alt fühle, wenn ich die Jahre zähle. Aber nicht einmal ihnen schreibe ich solche Nachrichten, das Höchste der Gefühle ist eine Liebesbekundung auf der Geburtstagskarte, ein “hab dich lieb” oder “Love you!” (Englisch als Ausweichmechanismus?). 

“Ich liebe dich”? Unmöglich, viel zu pathetisch, klingt doch total komisch.

Dabei war das schon einmal einfacher. Als Teenager war das “Hdggggfl” (kurz für: “Hab dich ganz, ganz, ganz, ganz furchtbar lieb”), “luv ya”, sogar “Lieb dich!” Pflicht. Dann wurden wir älter, die Liebesbekundungen wirkten irgendwie oberflächlich, schnell hingeworfen, ohne Gehalt. Aber was passiert, wenn wir auf einmal zu beschäftigt sind, um diese Freundschaftsformeln unterzubringen? Ist Hanna etwas Großem auf der Spur und wir sind alle emotionslose Roboter?

Beim ersten “hab dich so lieb” kannten Hanna und ich uns erst wenige Wochen, vielleicht auch nur Tage. “Und jetzt schreibt sie mir schon freundschaftliche Liebesbekundungen? Puh, etwas schnell”, dachte ich damals. Heute bin ich mir nicht mehr so sicher: Vielleicht sind es genau diese vier Worte, die ein Zeichen setzen, die Freundschaften Bestand geben – egal, wie lange man sich nicht gesehen hat, egal wie viele Kilometer entfernt man gerade wohnt. Ein Zeichen, dass Freundschaften manchmal die großartigeren Liebesbeziehungen sind, in denen es nicht um ein “wer kauft heute Brot” geht, und in denen man im Arbeitsstress auch einmal auf die Liebe vergisst. 

WIEN, ÖSTERREICH – MAI 21, 2022: “andererseits”, Verein für Inklusion im Journalismus, feiert sein 2-jähriges Bestehen. © Stefan Fürtbauer

“Die Leute sollen sich mehr sagen, dass sie sich lieb haben, einfach so aus dem Bauch heraus wie ich”, sagt Hanna. Ob es sie stört, dass diejenigen, denen sie ihre Botschaften schickt, nicht immer zurückschreiben? “Manche schreiben auch ‘hab dich so lieb’. Aber es stört mich überhaupt nicht, wenn die Leute nicht zurückschreiben.” Ich bewundere Hanna für diese Gleichgültigkeit, ihre unbrechbare Agenda. Würde ich Liebesbekundungen rausschicken und mir Ignoranz entgegenschlagen, wäre Drama vorprogrammiert. Ich würde die Freundschaft anzweifeln, es wäre mir peinlich, an dieser Einseitigkeit festzuhalten. Da gibt mir auch der griechische Philosoph Aristoteles recht. Für ihn bauen alle Freundschaften auf bestimmten Werten auf: Empathie, Selbstkenntnis (also das Wissen, wo wir in der Welt stehen und wie unsere Beziehung zu anderen ist), gemeinsame Erlebnisse und ein Gefühl der Gegenseitigkeit. 

Würde ich Liebesbekundungen rausschicken und mir Ignoranz entgegenschlagen, wäre Drama vorprogrammiert.

Klar, es ist etwas anderes, ob jemand täglich eine Nachricht auf Social-Media schreibt oder man sonntags gemeinsam einen Spaziergang durch Neuwaldegg macht, um über intime Belange zu sprechen. Aber ist dieser freundschaftliche Akt deswegen weniger Wert, die Freundschaft einseitig und unvollständig, wenn ich die Nachrichten bekomme, aber nicht zurückschreibe? 

In einem wissenschaftlichen Essay analysiert die Philosophin Sofia Kaliarnta das Aristotelsche Freundschaftsverständnis in Bezug auf Online-Freundschaften: In einer schnelllebigen Online-Welt, sei seine Theorie viel zu kurz gedacht, schreibt sie. Man könne damit nicht die Vielzahl an Beziehungen bewerten, die – zusammen mit ihrer Vielzahl an wertvollen Elementen – existieren. Das ergibt Sinn: Schließlich fühle ich mich Hanna nah, auch wenn ich das nicht immer so ausdrücke, wie sie es tut, und nicht das gleiche Bedürfnis habe, das täglich zu tun.  

Seit zwei Jahren poppt der Name “andererseits hanna” täglich auf meinem Display auf. Und mittlerweile freue ich mich sehr, denke an Hanna, an unsere Freundschaft, aber auch an meine anderen Freunde. Irgendwie schön. Denn Hanna hat recht: Wieso sollten wir nicht in die Welt hinausschreien wollen, dass wir die Verbindung zu einem anderen Menschen schätzen, gerade an ihn oder sie denken, an die gemeinsamen Erinnerungen und die Vorfreude auf das, was noch kommt? Mit dem ganzen Pathos, das eine Whatsapp-Nachricht haben kann, mit allen Emoticons, dem ganzen Kitsch, dem kleinen bisschen schneller Wärme in der digitalen Welt.

Vor ein paar Wochen ist eine neue Gruppe im Whatsapp-Chat hinzugekommen: “Hab dich so lieb Jubiläum”. Es gibt was zu feiern. 

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Redaktion: Lisa Kreutzer

Lektorat: Patricia Käfer

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Katharina Kropshofer

Katharina Kropshofer, geboren 1993 in Innsbruck, arbeitet als freischaffende Journalistin für Medien in Österreich, Deutschland und Großbritannien. Sie hat Biologie, Kultur- und Sozialanthropologie und Wissenschaftsjournalismus in Wien und London studiert. Deshalb beschäftigt sie sich gerne mit Themen rund um das Wissenschaftssystem, Ökologie und der Schnittstelle von Natur und Kultur.