Osama Abu El Hosna lehnt an einem Baum und schaut in die Kamera.

Fünf Minuten Ikone

6. April 2021

Osama Abu El Hosna kam 2012 als Flüchtling nach Österreich. Während dem Anschlag in Wien wurde er zum Helden – und ist doch noch immer unerwünscht.

Osama Abu El Hosna kam 2012 als Flüchtling nach Österreich. Während dem Anschlag in Wien wurde er zum Helden – und ist doch noch immer unerwünscht.

Als Osama Abu El Hosna und sein Kollege am zweiten November 2020 die Tiefgarage am Schwedenplatz verlassen, fallen Schüsse. Abu El Hosna und sein Kollege wollten in der Filiale einer Fastfood-Kette aushelfen: „Wir wollten zum Restaurant gehen und dort ist es passiert. Genau vor uns. Der Täter war etwa 25 Meter von uns entfernt. Dort hat er die erste Person getötet“, erzählt Abu El Hosna. Der junge Palästinenser redet schnell und erzählt sachlich. Nur jetzt macht er eine kurze Pause und schluckt. „Ich konnte nicht glauben, was ich sehe.“

Es ist der Abend des Anschlags in der Wiener Innenstadt. Ein Terrorist tötet an diesem Tag vier Menschen. Doch statt Hass und Zwietracht löst der Anschlag eine Welle der Solidarität in Österreich aus. Die Erzählung der Terrornacht wird eine über Zusammenhalt und Vertrauen: Über Menschen, die in ihren Wohnungen Schutz boten, Restaurants, in denen Gäste stundenlang ausharren konnten, und über Menschen wie Osama Abu El Hosna, der einem Polizisten das Leben rettete. 

In den Tagen nach dem Anschlag wollen alle Medien erzählen, wie ein Muslim zum Helden der Terrornacht wurde. Die Stadt, die Polizei und die palästinensische Botschaft ehren ihn. Doch heute, fünf Monate später, fürchtet seine Familie weiterhin, aufgrund ihrer Herkunft angefeindet zu werden. Und solange Österreich ihm die Staatsbürgerschaft verwehrt, bleibt der palästinensische Flüchtling staatenlos. 

Gespräch mit dem Täter

Als Kind in Palästina hat Osama Abu El Hosna Krieg erlebt. Er weiß, dass keine Zeit bleibt, vor Schreck innezuhalten. In der Nacht des Anschlags deutet er seinem Kollegen, sich hinter einer kleinen Wand zu verstecken und sucht selbst hinter einer mannsbreiten Birke Schutz. Der Attentäter sieht die beiden Männer und schießt durch die Dunkelheit in ihre Richtung. „Ich habe ihm gesagt, dass ich Araber bin. Auch, dass ich Muslim bin. Aber trotzdem hat er nicht aufgehört und weiter auf uns geschossen.“ Eine Kugel trifft den Baum, hinter dem Abu El Hosna kauert, andere zerschießen den gläsernen Ausgang der Tiefgarage, die die beiden jungen Männer erst vor kurzem verlassen hatten.

Nach einigen Augenblicken kommen zwei Polizisten am nun fast menschenleeren Schwedenplatz an. Der Attentäter sieht die Beamten und versteckt sich im Halbdunkel der Straßenlaternen hinter Büschen. Für die heraneilenden Polizisten ist die Situation unübersichtlich. Es wird Tage dauern, bevor die Behörden einen zweiten Täter ausschließen können. Abu El Hosna weiß bereits, wie der Täter aussieht, welche Waffen er hat, dass er alleine ist und vor allem, wo er sich versteckt. Er beeilt sich, die Informationen an die Polizisten weiterzugeben. Der Attentäter nutzt diesen Moment, um aus seinem Versteck zu kommen und erneut zu feuern. Diesmal trifft er. Die Kugel bohrt sich in den Oberschenkel eines Polizisten, er geht zu Boden. „Er wollte auf uns zukommen und weiter auf uns schießen. Er wollte uns töten“, sagt Abu El Hosna. Er redet nun energischer, fast als würde die Zeit ebenso drängen, wie sie es in der Nacht vom zweiten November tat: „Der andere Polizist hat versucht auf den Täter zu schießen, um ihn zu vertreiben.“ Gleichzeitig droht sein Kollege zu verbluten. Der schwerverletzte Polizist rät ihm zur Flucht, doch Abu El Hosna bleibt. „Ich habe versucht, gar nicht zu überlegen, was ich machen soll oder nicht. Mein Ziel war einfach, dass ich diesen Polizisten rette und alle in Sicherheit bringe.” Er packt den Verletzten und zieht ihn hinter eine Sitzbank aus der Schussbahn und in Sicherheit. „Ich wollte das Blut mit meiner Hand stoppen. Aber das konnte ich nicht.“ Der Betonboden, über den Abu El Hosna den Beamten zieht, wird mehr als eine Woche lang rot gefärbt bleiben.

„Wir geben nie auf“

Dass Osama Abu El Hosna an diesem Abend in der Wiener Innenstadt ist, hängt mit Pech zusammen, mit Zufall und mit österreichischer Fremdenfeindlichkeit. Nicht jeder hat ihn mit offenen Armen empfangen, im Gegenteil: Das erste Mal erreicht seine Familie mediale Aufmerksamkeit, als sie 2019 ein Haus in Weikendorf, einer 2.000-Seelen-Gemeinde in Niederösterreich, kaufen will. Der Kredit ist aufgestellt, der Verkäufer kommt der Familie entgegen. Doch im Dorf regt sich Widerstand: Eine muslimische Flüchtlingsfamilie in Weikendorf? Das darf nicht sein, finden einige Bewohner:innen, inklusive dem Bürgermeister Johann Zimmermann, der den Verkauf des Grundstückes verweigert. „Die unterschiedlichen Kulturkreise (sic!) der islamischen sowie der westlichen Welt [liegen] in ihren Wertvorstellungen, Sitten und Gebräuchen weit auseinander“, erklärt der Bürgermeister damals. Zu dem Zeitpunkt war die Familie bereits acht Jahre lang in Österreich. Bis heute hat sie mit Rassismus zu kämpfen. 

Osama Abu El Hosna wächst im Flüchtlingslager Jabalia in Gaza auf. Er ist einer von rund 100.000 Menschen, die an einem der dichtbesiedelsten Orten der Welt Schutz vor Bombenanschlägen, Selbstmordattentaten und Raketenangriffen suchen – und doch immer wieder deren Ziel werden. „Ich habe in Gaza genug Krieg erlebt. Ich habe dort meine Familie verloren, vor meinen Augen“, erzählt Abu El Hosna dem ORF. Der Vater, Khalid Abu El Hosna, ist Englischlehrer an der Pädagogischen Hochschule in Gaza. Um seine Frau und neun Kinder aus dem Krisengebiet zu retten, entschließt er sich zur Flucht nach Großbritannien. Auf dem Weg wird er zufällig in Österreich angehalten. Er sucht um Asyl an und holt wenige Jahre später seine Familie nach.

Osama Abu El Hosna ist gerade einmal 13 Jahre alt, als er am 28. Dezember 2012 zum ersten Mal österreichischen Boden betritt. Ein schönes Leben, ein sicheres Leben hat sich die Familie erhofft. Was er an Österreich besonders schätzt? „Man kann alles machen und auch frei entscheiden“. Grenzenlos ist seine Freiheit aber nicht. „Ich habe einfach gar keine Staatsbürgerschaft. Auf meinem Reisepass steht ‚staatenlos‘.“ Palästina wird von vielen Ländern nicht als Staat im Sinne des Völkerrechts anerkannt. Auch von Österreich, das in den letzten zehn Jahren die Heimat der Abu El Hosnas wurde. Er kann somit nicht ausreisen, könnte nicht einmal nach Palästina fliegen, um seine alte Heimat zu sehen. Die österreichische Staatsbürgerschaft würde das ändern, doch sie bleibt ihm verwehrt.

In Österreich lernt der junge Palästinenser schnell Deutsch, will sich mit seinem Umfeld verständigen können. Nach der Schule schließt er die Lehre zum Elektrotechniker ab. Gleich in seinem ersten Job nach dem Abschluss baut er eine gute Beziehung zu seinem Chef und seinen Kolleg:innen auf. Doch die Firma ist klein, die Auftragslage schlecht. Damit keiner der älteren Beschäftigten gekündigt werden muss, geht Abu El Hosna freiwillig. Er ist noch jung, findet leichter eine neue Stelle, denkt er damals. Aber so einfach ist das nicht. Die meisten Firmen lehnen ihn gleich ab. Andere nutzen ihn aus. Bei einem Unternehmen bricht die Belegschaft während seines Vorstellungsgesprächs in Gelächter aus. Osama, so hieße doch der Anführer der islamistischen Terrororganisation Al-Kaida. Abu El Hosna nimmt den Job dennoch. Er bemüht sich, tut sein Bestes, gibt den Kollegen bei Gelegenheit einen Kaffee aus. Nach einem Monat legt ihm der Chef ein Dokument vor. Das müsse er unterschreiben. Der junge Palästinenser spricht noch nicht gut genug Deutsch, um alle Details zu verstehen. Klar ist ihm, dass er nun zwei Wochen Urlaub hat. In Wahrheit hat er seine Kündigung unterschrieben. Er war im Unternehmen nicht mehr erwünscht.

Frustriert und enttäuscht fängt er in der Küche einer Fast-Food-Kette an und beeindruckt mit seiner Arbeitsmoral. Er ist immer erreichbar, übernimmt Arbeit, wo sie anfällt und repariert sogar Geräte selbstständig, erzählt er. Nebenbei nutzt Abu El Hosna die Ausbildungschancen im Unternehmen, absolviert Sprachkurse und Führungsausbildungen und wird schlussendlich Filialmanager. 

„Wir geben nie auf“, sagt Osama Abu El Hosna heute. Er klingt entschlossen, fast kämpferisch. 2019 schlägt die Geschichte in Weikendorf Wellen. Die ehemalige Staatssekretärin Muna Duzdar kontaktiert den Vater. Sie ist Anwältin und will der Familie rechtlich beistehen. Mit ihrer Hilfe klagt die Familie gegen den Beschluss des Bürgermeisters – und bekommt Recht. Das Haus gehört nun ihnen, wohnen wollen sie dort aktuell aber nicht. Abu El Hosnas Mutter hat Sorgen in Weikendorf erneut angefeindet zu werden. Die Familie bleibt vorerst in Wien. Auch für die Nacht des zweiten Novembers.

Held:innen

In jener Nacht kauert Osama Abu El Hosna hinter einer Sitzbank und versucht mittlerweile mit seinem T-Shirt die Blutung des angeschossenen Polizisten zu stoppen. Als wenige Minuten später die Rettung kommt, helfen zwei türkischstämmige Kampfsportler dabei, den schwer verletzten Beamten zum Krankenwagen zu tragen. Die drei Männer werden als Helden durch die Medien getragen, geben zahllose Interviews zum Anschlag und ihrer Heldentat. Abu El Hosna erhält einen Orden der Stadt Wien, wird von der Polizei für seinen Mut ausgezeichnet und in der palästinensischen Botschaft geehrt. In den ersten drei Tagen nach dem Anschlag schläft er kaum. Nicht nur wegen den Ereignissen in der Nacht, sondern auch, weil sich so viele Menschen bei ihm melden – Freunde, Bekannte und sehr viele dankbare Wiener:innen schreiben ihm. Vor allem wollen aber viele Medien mit ihm sprechen. Mit Al Jazeera telefoniert er per Videocall, für die Zeit im Bild steht er spät Nachts im Studio, der Luzerner Zeitung zeigt er das Einschussloch in der Birke. Der Trubel dauert mehr als zwei Wochen an, dann war er auch bei OKTO und OE24 in jeweils 40-minütigen Sendungen.

Und heute, Monate nach dem Anschlag? Im März 2021 zuckt der junge Araber mit den Schultern: „Ich habe diese Dinge, diese Gewalt, als Kind in meiner Heimat Palästina überlebt. Vielleicht hat sich deswegen nicht viel für mich verändert.“ Das Gespräch mit andererseits führt er während einer kurzen Pause in der Filiale, die er leitet. Der Kontakt zu den anderen beiden Helfern hat sich bald verlaufen. Er arbeitet derzeit einfach zu viel.

Vom Polizisten hat sein Retter nie etwas gehört. Er hat nachgefragt, wollte den Mann im Spital besuchen und mit ihm reden. Doch seine Anfragen verliefen im Sand. Auch manche Nachbarn aus Weikendorf haben ihn nach dem Anschlag kontaktiert. „Aber der Bürgermeister hat sich noch immer nicht gemeldet. Wir erwarten auch gar nichts mehr von denen.“ Boulevardmedien hatten im November die Ehrenbürgerschaft Weikendorfs für Abu El Hosna gefordert, ihm hätte ein Telefonat gereicht. Johann Zimmermann, Bürgermeister von Weikendorf, wollte mit andererseits nicht über den jungen Palästinenser sprechen.

Trotz der Welle an Solidarität, steht in Abu El Hosnas Unterlagen weiterhin “staatenlos”. Bereits im September hat er die österreichische Staatsbürgerschaft beantragt. Seitdem wartet er, immer wieder soll er neue Zeugnisse vorweisen. Das Wort “staatenlos” belastet ihn sichtlich. Die Anführungszeichen, die er um den Begriff setzt, sind hörbar. Immerhin nennt er gleich zwei Staaten Heimat – Österreich und Palästina. Doch ausgerechnet das Innenministerium, dessen Beamten Abu El Hosna das Leben gerettet hat, blockiert seinen Wunsch, zumindest eine davon auch offiziell so nennen zu dürfen. Abu El Hosnas Mut bekam kurze mediale Aufmerksamkeit, belohnt wurde dieser jedoch kaum. Eine gute Nachricht hat er seither aber trotzdem bekommen: Am zweiten November 2021, dem ersten Jahrestag des Anschlags, wird ein Buch über seine Geschichte erscheinen. Über ihn und seine Heldentat – auch wenn er sie wohl nicht so bezeichnen würde: „Wenn ich sehe, dass ein Mensch, egal aus welchem Land oder Region er oder sie kommt, Hilfe braucht, dann kann ich doch helfen. Das mache ich gerne.“

Text: Max Miller, Fabian Füreder 

Fotos: Stefan Fürtbauer