Auf einem Foto, das es von Helene Adler gibt, trägt sie einen dunklen Haar-Reif und eine Flecht-Frisur. Zwei dicke Zöpfe sind sorgfältig um ihren Kopf gewickelt. Das Foto von Helene Adler könnte in einem Familien-Album kleben, es könnte gerahmt in einem Wohnzimmer hängen und Helene Adlers Familie könnte sich an sie erinnern. Doch das Foto liegt in einem Archiv in Österreich. Denn Helene Adler wurde ermordet.
Helene Adler arbeitete als Angestellte in einer Verwaltung. Sie war tüchtig und wurde geschätzt. So steht es in den Akten der Geschichts-Forscher*innen von Schloss Hartheim. In den Akten steht: Helene Adlers Leben änderte sich, als sie mit 27 Jahren die Diagnose Schizophrenie bekam. Schizophrenie ist eine psychische Krankheit. Helene Adler hätte vermutlich eine passende Behandlung für ihre Krankheit gebraucht. Menschen mit Schizophrenie können oft ein selbstständiges Leben führen, wenn sie gute Unterstützung haben. Aber Helene Adler hat keine Unterstützung bekommen.
Vor rund 85 Jahren wurde sie nach Hartheim in Oberösterreich gebracht. Im Dezember 1940 bekam ihre Mutter einen Brief. Darin stand, dass ihre Tochter in Hartheim an einer Lungen-Entzündung verstorben sei. Doch das stimmte nicht. Sie starb nicht an einer Lungen-Entzündung. National-Sozialistische Ärzt*innen und Pfleger*innen töteten sie im Schloss Hartheim. In dem Schreiben stand auch, dass aus „seuchen-polizeilichen Gründen“ verbrannt wurde. Helene Adlers toten Körper konnten die Verwandten nicht mehr sehen.
So wie Helene Adler erging es vielen Menschen mit Behinderungen. Sie wurden im Rahmen der Aktion T4 getötet. Der Name kommt von dem Haus in Berlin, in dem die Morde an Menschen mit Behinderungen geplant wurden. Die Adresse: Tiergartenstrasse 4. Für die Aktion T4 bauten National-Sozialist*innen ehemalige Pflege-Einrichtungen zu Tötungs-Anstalten um. Insgesamt gab es sechs dieser Tötungs-Anstalten in Deutschland und Österreich. In ihnen wurden rund 70 Tausend Menschen getötet.
Eine davon war das Schloss Hartheim in Österreich, in der Helene Adler getötet wurde. Das Schloss Hartheim war ein Jahr lang eine Tötungs-Anstalt. In dieser Zeit wurden dort ungefähr 30 Tausend Menschen mit Behinderungen ermordet.

Menschen wussten von den Morden
Heute soll dort, wo Helene starb, an sie und andere ermordete Menschen mit Behinderungen erinnert werden. Das Schloss liegt mitten in Alkoven, einem kleinen Dorf in der Nähe von Linz. Vom Bahnhof führt eine Dorf-Straße, vorbei an frischen, grünen Feldern zum Schloss Hartheim. An einem Freitag-Vormittag ist nicht viel los. Nur wenige Reise-Busse und Autos stehen auf dem Parkplatz vor dem Schloss.
Das Schloss hat einen Turm und ein großes Eingangs-Tor. Dahinter ist ein großer, mit Kies bedeckter Innenhof. Ein frischer Kranz steht auf einem Gestell. Gedenk-Tafeln in verschiedenen Sprachen hängen an den Wänden. Im zweiten Stock des Schlosses sitzt Irene Zauner-Leitner an einem schwarzen Holztisch. Zauner-Leitner ist die stellvertretende Leiterin der Gedenk-Stätte in Hartheim und arbeitet als Historikerin. Das heißt, sie weiß viel über die Geschichte des Schlosses und des National-Sozialismus. Sie setzt sich für das Erinnern ein.
Dort, wo heute ihr Büro ist, waren auch früher Büros. Damals wurden in einem dieser Räume die Todes-Urkunden der Menschen ausgestellt. Die Todes-Ursache, der Todes-Zeitpunkt und Ort wurden oft gefälscht. So wie der Mutter von Helene Adler wurden auch anderen Angehörigen gefälschte Sterbe-Urkunden geschickt.
Diese Morde an Menschen mit Behinderungen nannten die National-Sozialist*innen: “Euthanasie”. Euthanasie ist alt-griechisch. Euthanasie heißt übersetzt: sanfter Tod. Aber sie haben gelogen. Es war kein sanfter Tod. Menschen mit Behinderungen wurden ermordet.
Die Nazis logen über den echten Grund für die Tode, sagt Zauner-Leitner: „Das ganze “NS-Euthanasie-Programm” ist als ein geheimes Programm gelaufen. Das heißt, es war nicht öffentlich.”
Trotzdem wussten Menschen, dass es diese Morde gibt. Zum Beispiel Clemens August Graf von Galen. Er war ein deutscher Priester. Er hielt eine Predigt in Münster in Deutschland, in der er öffentlich machte, dass er gegen die Tötung von kranken Menschen und Menschen mit Behinderungen war. Seine Worte hatten eine starke Wirkung: Die Predigt wurde tausendfach verbreitet. Weil Menschen Bescheid wussten und auch einige Mitglieder der Kirche dagegen waren, hat man offiziell mit der Aktion T4 aufgehört. Aber Menschen mit Behinderungen wurden weiter ermordet.
Organisation des Tötens
Die National-Sozialist*innen versprachen den Menschen: Das deutsche Volk sollte eine “Volks-Gemeinschaft” werden. Aber nicht alle Menschen sollten Teil dieser deutschen „Gemeinschaft“ sein. Die National-Sozialist*innen haben Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen gehasst. Sie haben Lügen über sie verbreitet. Sie haben ihnen viele Dinge verboten. Und sie haben sie verfolgt und ermordet.
Die Entscheidung wer leben und wer sterben sollte, fällten die National-Sozialist*innen schnell. Irene Zauner-Leitner zeigt ein Stück Papier von damals: Einen Melde-Bogen. Diesen Zettel sollten Ärzte oder pflegerisches Personal in Heil- und Pflege-Anstalten ausfüllen. Sie sollten die Menschen beschreiben: Wer ist die Person, wie lange ist sie schon in der Anstalt? Bekommt sie oft Besuch? Und dann fragten sie: Was kann diese Person leisten? Das wurde dann entweder mit dem Wort „brauchbar” oder „unbrauchbar“ beantwortet.
Mit diesen Worten wurde über das Schicksal der Menschen entschieden. “Das Wort “unbrauchbar” ist eigentlich dann schon ausschlaggebend dafür gewesen, dass diese Person mit ziemlicher Sicherheit auch diesem “Euthanasie-Programm” zugeführt werden sollte“, erklärt Zauner-Leitner. Viele dieser Personen wurden getötet.
Die Geschichten der ermordeten Menschen
Zwei Stockwerke unter dem heutigen Büro von Zauner-Leitner, im Erdgeschoss des Schlosses, befand sich eine Gas-Kammer. Dort wurden Menschen vergast, also getötet. Heute sieht man in den Räumen nichts mehr davon. Die Gas-Kammer wurde entfernt. über einen Steg kann der Raum der ehemaligen Gas-Kammer begangen werden. Anschließend kommt man in einen weiteren Raum, wo die Leichen verbrannt wurden.
In der Gedenk-Stätte wird der vielen Opfer gedacht. Jeder Name, der ermittelt werden konnte, wurde auf eine Glasplatte geschrieben. Auch der Name Alfons Benkner. Er wurde am 21. Mai 1910 in Bayern geboren. Er hatte zwei Halb-Geschwister Josef und Berta Studensky. Mit elf Jahren wurde er zum ersten Mal in eine Anstalt aufgenommen. In Hartheim wurde er umgebracht.
Wir wissen oft nichts über die Menschen, von denen man in Hartheim liest, außer das, was die National-Sozialist*innen über sie geschrieben haben. Sie sprechen über Menschen mit Behinderungen, als wäre eine Behinderung etwas Schlimmes.
Über Alfons Benkner schreiben sie: „Hochgradig geistes-schwach. Volksschul-Besuch fast ohne allen Erfolg. Zu keiner Tätigkeit zu gebrauchen.“ Das heißt: Alfons Benkner hatte vermutlich Lern-Schwierigkeiten. Vielleicht hätte er Leichte Sprache gebraucht, um in der Schule etwas zu verstehen. Vielleicht hätte er Assistenz gebraucht, um eine Arbeit zu finden. Aber all das hat Alfons Benkner nicht bekommen. Alfons Benkner wurde im Januar 1941 in der Tötungs-Anstalt Hartheim ermordet. Er war einunddreißig Jahre alt. Jetzt erinnert eine Glasplatte mit seinem Namen an Alfons Benker.
Auf einer anderen Glasplatte in der Gedenk-Stätte steht: Emil Kellberger. Wie Helene Adler hatte er die psychische Erkrankung Schizophrenie. Vielleicht hätte Emil Kellberger gerne Kinder gehabt. Aber die Nazis wollten das nicht. Sie haben Menschen wie Emil Kellberger verboten Kinder zu bekommen.

Anfang 1934 wurde Kellberger aufgrund des national-sozialistischen Gesetzes „zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ zwangsweise sterilisiert. Das heißt: Bei ihm wurde eine Operation gemacht, obwohl er das nicht wollte. Er konnte dann keine Kinder mehr bekommen. Später wurde er in Hartheim ermordet. Laut der in Hartheim ausgestellten Sterbe-Urkunde starb er am 23. Mai 1941 an „Lungen-Entzündung, Kreislauf-Schwäche“. Aber das war gelogen. Emil Kellberger wurde wie Helene Adler und Alfons Benker ermordet.
Der Lange Weg zur Erinnerung
Ab den 1950er und 1960er Jahren besuchten viele Angehörige von Opfern Schloss Hartheim, um ihrer ermordeten Familien-Mitglieder zu gedenken. Aber damals gab es noch keine Gedenk-Stätte in Hartheim. Die Angehörigen waren enttäuscht, erzählt Zauner-Leitner, dass hier nicht an die Opfer der Verbrechen erinnert wurde. Die Angehörigen brachten ihre eigenen Gedenk-Tafeln im Innenhof an, indem sie diese einfach an die Wand schlugen. Zauner-Leitner sagt: „Sie wollten einen Ort haben, den man aufsuchen kann, wo man sagen kann, da ist meine Familie, mein Angehöriger ermordet worden und hier möchte ich auch gedenken.“
Erst ab den 1980er Jahren wurde über die Morde an Menschen mit Behinderungen in der Öffentlichkeit gesprochen. Man fand heraus: Die meisten Heime haben nichts gegen die Morde gemacht. Manche Ärzt*innen und Pfleger*innen meldeten sich freiwillig, um bei den Morden mitzumachen. Es haben fast nur Menschen mit Behinderungen überlebt, die bei ihren Familien geblieben sind. Auch Sonder-Schulen halfen damals mit, Menschen mit Behinderungen bei den Behörden zu melden. Die Einrichtungen halfen damals also bei der Ermordung der Menschen mit Behinderungen mit.
Viele der Heime und Krankenhäuser, die im National-Sozialismus geholfen haben, Menschen zu töten, gibt es heute noch. Ein Beispiel ist „Am Spiegelgrund“. Das war eine Anstalt in Wien. In der Zeit von 1940 bis 1945 hat man hier Kinder und Jugendliche gequält und ermordet. Es waren kranke Kinder und Jugendliche und Kinder und Jugendliche mit Behinderungen. Es waren Kinder und Jugendliche, die als nicht erziehbar galten. Die Jugend-Fürsorge-Anstalt war am Gelände der Heil- und Pflegeanstalt „Am Steinhof“. Heute steht hier das Otto-Wagner-Spital.
Die Anerkennung der Verbrechen an Menschen mit Behinderungen dauerte lange: Die Menschen, die gemordet haben, waren meistens keine Soldaten, sondern Ärzt*innen und Pfleger*innen. Sie wurden nur selten verurteilt. Viele Ärzt*innen haben in den 1950er Jahren noch weiter als Ärzt*innen gearbeitet. Zum Beispiel Dr. Heinrich Gross. Er führte medizinische Experimente an Kindern durch und war mitverantwortlich für die Ermordung zahlreicher junger Opfer am Spiegelgrund. Nach 1945 wurde Heinrich Gross kaum bestraft. Er setzte seine Karriere als Psychiater und Gutachter fort.
Ein langer Prozess der Aufarbeitung dieser Verbrechen führte unter anderem zur UN-Charta für Menschen mit Behinderungen. Diese hat Deutschland im Jahr 2008 unterschrieben, Österreich im Jahr 2006. Die Kinder der ermordeten Menschen mit Behinderungen bekamen erst ab dem Jahr 1995 Entschädigungen. Erst seit ungefähr 2000 wird im Schloss Hartheim nicht mehr verdrängt, was passiert ist, sondern man beginnt sich an die Verbrechen zu erinnern. Dafür steht heute Schloss Hartheim: Als ein Ort der Erinnerung und als Mahnmal für die Zukunft.
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Geschrieben Von
Christoffer Koller
und von
Franziska Peer
Redaktion
Lisa Steiner
Lektorat
Claudia Burnar
Fotos
Christoffer Koller
Archiv-Fotos
Gedenkstelle Hartheim, Haus der Geschichte Österreich: Markus Guschelbauer