Clemens Kaupa vor dem Werbeschild vo Shell. Hinter ihm eine Autobahn.

»Von CO₂-Ausgleichen würde ich die Finger lassen«

24. November 2022

Der niederländische Uni-Professor Clemens Kaupa hat vergangenes Jahr eine Beschwerde gegen eine Werbekampagne zum CO₂-Ausgleich eingebracht. Und er hat gewonnen. Er sagt, diese Ausgleiche sind irreführend. Was bringen sie - außer einem guten Gewissen?

Artin Madjidi: Du bist eigentlich Professor für Europarecht an der Freien Universität Amsterdam. Dann hast du eine Beschwerde gegen die Werbung von Shell eingereicht. Warum?

Clemens Kaupa: Vor ein paar Jahren bin ich in Amsterdam aus der U-Bahn am Hauptbahnhof gestiegen. Und da war alles voll mit Werbungen von Shell. Der Slogan der Kampagne lautete: “Mit so wenig CO₂ wie möglich durch Europa reisen”. Gemeint war das Folgende: Als Autofahrer*in kann man an der Shell-Tankstelle nach dem Tanken CO₂-Ausgleichsabgaben zahlen. Pro Liter zahlt man einen Cent CO2-Ausgleich. Damit soll der Ausstoß der Autos ausgeglichen werden.

Es ist aber nicht wissenschaftlich belegt, dass diese Ausgleiche funktionieren. Niemand kann garantieren, dass diese Bäume, die als Ausgleich gepflanzt werden, langfristig dabei helfen, dass CO₂ vermindert wird. Was passiert zum Beispiel, wenn der Wald brennt?Das CO2, das wir auspusten, verzeiht die Umwelt nicht. Niemand kann versichern, dass das CO2 wieder ausgeglichen wird.Das Geschäft Shell hat aber so getan, als ob es doch eine Versicherung gäbe. Es hat sich als umweltfreundlich dargestellt. Mich hat das gestört. Ich habe mir gedacht: Wenn jetzt, mitten in der Klimakrise, eines der größten Öl- und Gasunternehmen noch immer ungestraft sowas öffentlich plakatieren kann, dann ist das ein Problem.

Das Geschäft Shell wirbt mit CO2-Ausgleich.
Sie sagen, dass man CO2-neutral Auto fahren kann.
Clemens Kaupa hat sich über diese Werbung beschwert.

Artin: Warum ist das ein Problem?

Clemens: Wir wissen, dass Öl-, Gas- und Kohleverbrauch das Klima bedroht. Und damit die Zukunft von uns allen. Aber Werbungen dieser Art erwecken den Eindruck, dass es völlig normal ist, im 21. Jahrhundert Öl und Gas zu verkaufen. Wir wissen aber, dass es nicht normal ist. Wir wissen, dass es aufhören sollte, dass wir Öl und Gas verbrennen. Und da entsteht dann in unseren eigenen Gehirnen ein Konflikt zwischen dem, was wir wissen und dem, was uns die Werbung glauben lassen will.

Artin: Wie lief die Beschwerde ab?

Clemens: Meine Studierenden und ich haben von mehreren Organisationen, unter anderem von Greenpeace, den Auftrag bekommen, eine Beschwerde gegen eine Werbekampagne einzureichen, die mit CO₂-Ausgleich wirbt. Wir haben uns dann für eine Shell-Kampagne entschieden. Die Beschwerde ging an eine holländische Werbe-Behörde, so etwas ähnliches wie der Werberat in Österreich. Das ist kein echtes Gericht, aber trotzdem wichtig. In der Werbung von Shell hat es so gewirkt als könnte man CO₂-neutral Auto fahren. Das stimmt nicht. Es ist unmöglich, CO₂-neutral mit einem benzinbetriebenen Auto zu fahren. Auch nicht, wenn man CO₂-Abgaben bezahlt. Deswegen haben wir eine 120-seitige Beschwerde eingereicht. Und bekamen recht.

Clemens Kaupa sagt, im 21. Jahrhundert sollte kein Gas- und Öl mehr verkauft werden.
Weil die Erde so nicht behandelt werden sollte.
Shell hat damit geworben, dass sie durch CO2-Ausgleich die Auto-Ausstösse auf 0 bringen.
Deswegen hat Clemens Kaupa sich bei einer Werbe-Behörde in Holland beschwert.

Artin: Wie ging es weiter?

Clemens: Shell hat das Urteil ignoriert. Sie haben nur einen Satz auf der Website geändert. Anstatt mit der Ausgleichszahlung CO₂ zu “neutralisieren” verwenden sie jetzt den Slogan “CO₂ kompensieren”. Das ist der Slogan, der auch in Österreich verwendet wird. Dagegen haben wir uns wieder beschwert. Sie behaupten, dass CO₂ durch das Pflanzen von Bäumen ausgeglichen wird. Das stimmt aber nicht. Es gibt keine Garantie, dass das CO₂ wirklich kompensiert wird. Also haben wir uns Anfang dieses Jahres im Jänner nochmal beschwert. Die Beschwerde haben wir auch gewonnen. Und jetzt hat Shell gesagt, dass sie nochmal vor Gericht ziehen. Das nennt sich Berufung. Und wir haben wieder gewonnen. In Österreich gibt es diese Werbung übrigens auch.

Artin: Das heißt, die Kampagne, die in Holland als irreführend gilt, läuft in Österreich noch. Wie kann denn das sein?

Clemens: Die Regeln, die angewendet werden, sind eigentlich überall ähnlich. Ob in Österreich, in Holland oder Kanada. Wenn ein Unternehmen Werbung macht, dann muss diese Werbung zumindest faktisch stimmen. Sie muss wahr sein. Wenn das nicht garantiert ist, dann ist die Werbung irreführend. Im Wesentlichen heißt das, dass das, was in Holland gesagt worden ist, auch in Österreich gelten müsste. Das tut es aber nicht. In Österreich kann der Konzern weiterhin damit werben, dass CO₂ ausgeglichen wird, obwohl das gleiche in Holland verboten wurde.

Artin: Was machen solche Werbungen mit uns als Menschen?

Clemens: Solche Werbungen machen viele Leute wütend oder verzweifelt. Man weiß zwar, dass das Problem der Klimakrise da ist. Man weiß auch, was der Grund dafür ist. Nämlich, dass wir Kohle, Gas und Öl verbrennen. Aber irgendwie wissen wir nicht, wie wir dagegen angehen sollen.

Artin: Wenn ich CO2-Ausgleiche bezahle, habe ich das Gefühl, dass ich etwas dagegen tuen kann. Dann habe ich ein besseres Gefühl. Aber Sie sagen, dass die gar nichts bringen. Warum?

Clemens: Vielleicht kann man das aus zwei Blickwinkeln sehen. Die eine ist der Blickwinkel der Menschen, die Kompensationen zahlen. Und die andere Sache ist, was deren Effekt ist. Viele Menschen wollen etwas gegen die Klimakrise machen und wollen auch persönlich Schritte setzen. Alleine klimafreundlich sein ist schwer, wenn die ganze Gesellschaft klimaschädlich ist. Die Menschen sagen sich: Wenn ich meine Ausstöße nicht reduzieren kann, dann kann ich sie zumindest ausgleichen. Und Bäume pflanzen klingt ja dann auch so schön romantisch. Man möchte helfen und etwas Gutes tun für die Umwelt. Das kann ich verstehen.

Artin: Das klingt ja erstmal nicht schelcht. Was ist der zweite Blickwinkel?

Clemens: Ob die Ausgleichs-Bescheinigungen, die am Markt sind, diesen Wunsch auch erfüllen, das ist eine völlig andere Frage. Es stimmt nämlich nicht, dass das Pflanzen vieler Bäume schon zu einer gewissen Verringerung der Ausstösse führt. Das ist irreführend. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen den Produkten, die angeboten werden. Also die Ausgleichs-Bescheinigungen, die man über Fluglinien bekommt, sind etwa dann auch noch sehr billig. Dass dann die Ausgleiche für einen Flug von Wien nach Amsterdam 2 € kosten – das ist völlig absurd.

Es gibt schon auch Organisationen, die viel teurere Ausgleiche anbieten und auch streng kontrollieren und schauen, dass dieses Geld gut ankommt. Aber letztendlich würde ich sagen: Hände weg von Ausgleichen.

Artin: Aber was kann man denn sonst tun?

Vor ein paar Jahren ist es mir damit nicht gut gegangen. Ich habe mir gedacht: Das macht doch alles keinen Sinn, wenn die CO2-Ausstösse jedes Jahr erneut steigen! Vielen Menschen geht es so wie mir und sie reagieren darauf, indem sie sich zurück ziehen oder gefühllos werden. Die Alternative dazu ist, dass man versucht etwas zu verändern. Und die Möglichkeit, die ich gesehen habe, war, mich gegen diese Werbung von Shell zu beschweren.

  • Freiwilliger CO₂-Ausgleich heißt, dass Privatpersonen und Unternehmen ihren eigenen Ausstoß an klimaschädlichen Gasen ausgleichen. Indem sie sogenannte CO₂-Bescheinigungen für den Klimaschutz kaufen. Diese sollen denTreibhausgas-Ausstoß reduzieren, zum Beispiel durch mehr Solarstrom, Wind- und Wasserkraft.

18,4 Prozent der Menschen in Österreich haben eine Behinderung, doch es gibt kaum Journalist:innen mit (intellektueller) Behinderung.

andererseits ist das erste österreichische Medium, bei dem Menschen mit und ohne Behinderung gleichberechtigt zusammenarbeiten.

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Grafik: Clara Sinnitsch

Foto: Vrije Universiteit Amsterdam, Artin Madjidi

Redaktion: Patricia Käfer, Clara Porak

Unterstüzt von Lisa Kreutzer