Sahars Vater steht lachend mit geöffneten Armen vor ihr. Er hat schwarze Haare und einen Bart. © Yaser Talebi

Gegen das Schicksal

4. Juni 2023

Der Film Destiny zeichnet ein Bild des Lebens im Iran. Insbesondere von Frauen und von Menschen mit Behinderungen. Er zeigt, wie diese Menschen ausgegrenzt werden. Und er erzählt, wie belastend traditionelle Erwartungen sein können.

Filmkritik zu Destiny von Yaser Talebi (2022)

(Deutsch: Schicksal, Farsi: Sarnevesht, سرنوشت )

von Leyli Nouri

Sahar summt mit der Gabel zwischen die Lippen gepresst und dem Sonnenblumenöl in ihrer Hand. Sie dreht sich, tanzt wild in der Küche. Ihr Vater lacht. Nach der Schule finden sich die beiden zwischen Leichtigkeit und gutem Essen wieder. 

Bis Sahars Welt plötzlich kleiner wird.

„Sahar, verzeih mir“, klingt es aus dem Rekorder. Die Stimme von Sahars Mutter klingt traurig. Kurz vor ihrem Tod nahm sie viele solcher Kassetten für ihre Tochter auf. Sahar liegt im Gras, während sie die Aufnahmen ihrer Mutter hört. Es umzingelt sie wie eine grüne feuchte Mauer. Nur zwischen Bäumen und Blumen kann sie die Worte ihrer Mutter hören. 

Der Film Destiny wurde vom Regisseur Yaser Talebi gedreht und im Jahr 2022 veröffentlicht. Viele Szenen sind in den ländlichen Regionen Irans aufgenommen worden. Das bedeutet, dass der Filmemacher die Regeln des islamischen Regimes (also den Menschen, die momentan über das iranische Volk bestimmen) befolgen oder Szenen heimlich drehen musste. Es gibt strenge Regeln, welche Geschichten erzählt werden dürfen. Daher bringen sich viele Regisseur*innen in Gefahr und arbeiten verdeckt. Auch in diesem Film werden kritische Themen angesprochen, die ungern gesehen werden. Zum Beispiel die Rechte von Frauen.

Der Film Desitiny ist im Jahr 2022 erschienen.

Destiny heißt auf deutsch Schicksal. 

Der Film wurde im Iran gedreht. 

Dort gibt es derzeit ein Regime. 

Das Regime verbietet sehr kritische Filme.

Deshalb hat sich der Regisseur Yaser Talebi in Gefahr gebracht, als er den Film gemacht hat.

Der Film erzählt von der 18-jährigen Sahar.

Ihre Mutter ist gestorben.

Sie hört sich Nachrichten an, die ihre Mutter vor ihrem Tod aufgenommen hat.

Seit dem Tod ihrer Mutter pflegt nur die 18-jährige Sahar ihren behinderten Vater. Neben Liebe hat sie auch ein hohes Pflichtbewusstsein ihm gegenüber. Doch „Destiny“ erzählt nicht vom „Schicksal“ einer Person, die sich um jemanden mit Behinderung kümmern muss. Sondern von den erdrückenden und unfairen Bedingungen für iranische Frauen und Menschen mit Behinderungen, die sie zu Menschen zweiter Klasse abtun.

Sahars Wünsche für die Zukunft werden nicht von der Behinderung ihres Vaters, sondern von der Schule, von männlichen Verwandten und der iranischen Gesellschaft verhindert. Als Frau kann sie zum Beispiel nur an einer Sportmeisterschaft teilnehmen, wenn ihr Vater das offiziell erlaubt. Doch Sahars Vater wird von der Schule wegen seiner Behinderung nicht ernst genommen. Was er sagt, zählt nicht.

Seit dem Tod der Mutter pflegt Sahar ihren Vater.

Der hat eine Behinderung. 

Sie liebt ihn und pflegt ihn aus Pflichtbewusstsein.

Aber viel schwerer ist für Sahar, wie die Gesellschaft im Iran mit Frauen und Menschen mit Behinderungen umgeht. 

Die werden im Iran unterdückt.

Davon erzählt der Film.

Sahar versucht ihrem Alltag zu entfliehen. Jeden Tag verliert sich Sahar in stundenlangem Scrollen durch Insta-Fotos. Ihre mögliche Zukunft poppt auf einem hellen Bildschirm auf. Das Leben von anderen könnte auch ihr Leben sein. Ein Leben, das ihr dieselben Chancen gibt wie Männern. Doch die Realität liegt nicht im leuchtenden iPhone, sondern bei ihren alltäglichen “Verpflichtungen”, den “Verpflichtungen” einer Frau.

Dieser Film ist ein Beispiel für die mehrfache Unterdrückung, die Menschen im Iran erfahren. Menschen mit Behinderung und Frauen. Ihre Stimme wird nicht ernst genommen und zählt gesetzlich weniger. “Destiny” zeigt, wie über Sahars Vater hinweg bestimmt wird, als wäre er gar nicht da. Wie andere ihn in der Moschee ausschließen oder kaum beachten. Jede Szene beleuchtet die Konflikte, mit denen sich beide in ihrem Alltag konfrontieren müssen. Der Film macht die Unsichtbarkeit von Frauen und Menschen mit Behinderung deutlich und löst kein Mitleid aus – im Gegenteil: Er weckt uns, lässt einen mit tiefem Groll im Magen das dunkle Kino verlassen, mit dem Wunsch, jeglichem „Schicksal“ zu entfliehen.

Sahar versucht ihrem Alltag zu entfliehen.

Sie lenkt sich sehr viel mit dem Handy ab.

Dort schaut sie sich Bilder und Videos auf Instagram an.

Doch es hilft nichts: Als Frau wird sie im Iran unterdrückt.

Und auch ihr Vater mit Behinderung wird unterdrückt.

Doch der Film löst kein Mitleid aus.

Der Film macht wütend und löst den Wunsch aus, dem Schicksal zu entfliehen.

Sahar und ihr Vater sitzen sich gegenüber auf dem Boden. Sahar bringt einen weißen Verband an.

Redaktion: Lisa Kreutzer, Patricia McAllister-Käfer

Lektorat: Patricia McAllister-Käfer

Foto: Yaser Talebi

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